Gleis 1 Sohn
Gleis 2 Vater
Gleis 3 Kontakt



Bahnhof mit dem Geist des Vaters als Nährboden und Dach


Otto Tetjus Tügel, Maler und Schriftsteller, geboren in Hamburg am 18. November 1892, wurde 1919 Gründungsmitglied der Hamburgischen Sezession. Er war Mitglied des Deutschen Autorenverbandes "Die Kogge" und gründete in Hamburg das literarische Kabarett "Bronzekeller". In den 1930er Jahren hielt er sich zwei Jahre lang im Riesengebirge bei Gerhart Hauptmann auf und durchwanderte Schweden ein Jahr lang zu Fuß. Auch in dieser Zeit betätigte er sich als bildender Künstler, Schriftsteller, Schauspieler und Kabarettist. Als Maler rechnet man ihn zur Moderne der 1920er u. 1930er Jahre in Hamburg und zu den Worpswedern der frühen Zeit. Einige seiner Bilder wurden nach 1933 in die Wanderausstellung "Entartete Kunst" aufgenommen. Nach dem 2.Weltkrieg ging er nach Oese bei Bremervörde, wo er bis zu seinem Tod, am 23. Oktober 1973, intensive Schaffensjahre verlebte.


Dokumentation in der Städtischen Galerie Bremen
Buntentorsteinweg 112
mit besonderer Unterstützung von Frau Birgit Neumann-Dietzsch


Otto Tetjus Tügel rechts, links sein Gemälde "Der Philosoph"

Neben Paula Becker-Modersohn, Bernhard Hoetger, Albert Schiestl-Arding und Franz Radziwill ist auch Otto Tetjus Tügel, 1892 - 1973, auf der Ausstellung vertreten.


Worpswede 1927: The Sumpfband - Tetjus links, Fridolin rechts



Im Juli 2006 (Theatersommer) wurde auf der Freilichtbühne des Barkenhoff in Worpswede eine Hommage an Tügel von der Theaterproduktion Cosmos Factory (Ute Falkenstein und Oliver Peuker) inszeniert.


TETJUS TÜGEL - EINE HOMMAGE - VON COSMOS FACTORY THEATERPRODUKTION UTE FALKENSTEIN UND OLIVER PEUKER www.cosmosfactory.de

 

"Lebenskunstwerk Otto Tetjus Tügel" aus "Worpswede im Frühling" (1999) Text: Tetjus Tügel, Sohn

Der im Hamburger Cholerajahr 1892 geborene Otto Tetjus Tügel kam 1909 erstmals nach Worpswede. Schon früh bekam er Kontakt mit Gerhart Hauptmann und Richard Dehmel, dessen Tochter er 1918 heiratete. Er durchwanderte Schweden zu Fuß und landete bei Selma Lagerlöf, arbeitete im Land der Mitternachtssonne, im Riesengebirge, in Masuren, in Warschau, Berlin und Hamburg, aber vor allem in Worpswede, wo er bis 1940 blieb. Danach zog es ihn in die nahe Umgebung, nach Bederkesa, Brillit, Bremervörde und schließlich in das Dorf Oese, wo er mit seiner letzten Frau Johanna lebte und bis zu seinem Tode dichtete und malte.

"Rasputin im Moor", "Frauenheld", "Don Juan", "Musen verschleißender Malerpoet", "Entertainer" - alles fade Bezeichnungen als Ausdruck der Irritation, die Otto Tetjus Tügel von seinem 18ten Lebensjahr bis über seinen Tod hinaus in den guten Stuben von Bildungsbürgern und kunstideologischen Sachwaltern wegen seiner Eigenwilligkeit und Vielseitigkeit hervorruft. Beurteilungsschubladen türmen sich auf, in irgendeine sollte er doch passen, damit die statische Ordnung des meinungsbrokratisch verwalteten Kulturbegriffs keinen Schluckauf bekommt. Kunst und Leben laufen nebeneinander her wie zwei verklemmte Liebhaber.

Glücklicherweise ist der Kunstbegriff der Gegenwart endlich an dem Punkt angelangt, wo Künstlern die nötige Freiheit zu einer ganzheitlichen Existenz eingeräumt wird: Leben als Künstler ist Kunst. Die Bewertung von Kunst legt kein Gewicht mehr nur auf die Qualitätsbeurteilung einzelner Werke, sondern auf die Intensität und Authentizität, mit der Künstler agieren. Eindimensionale Kunstkritik landet auf der Müllhalde. Avantgarde ist nicht mehr eng definiert, sie überwindet ihre zeit- und ortsgebundene Abhängigkeit, fruchtet gesamtheitlich.

Für Otto Tetjus Tügel gab es die im bürgerlichen Leben stets säuberlich vollzogene Trennung zwischen Beruf, Liebe, Kunst, Literatur, Wissenschaft, Vergnügungen etc. nicht. Dafür lebte er eine poetische Existenz, die sich unbewußt aus sich selbst hervorgebracht hat, und für die es nur den einen, alles Wesentliche abdeckenden Bereich zwischen Geburt und Ewigkeit, gab. Er sah sich als Rezeptor in Form einer bizarren Birke, durch Wind und Wetter gefordert, doch fest im Fundament Erde verankert.

Mit Dichtung und Malerei hat er keinen rein gestalterischen Lebenszweck verfolgt, sondern die Verknüpfung von poetischer Wahrnehmung und ästhetischer Erfahrung mit einer Bewußtseinswelt angestrebt, die sich auf seiner Schwedenwanderung formiert hat, und die er schließlich auf das Moorland übertragen und zu einem Leben als Kunstwerk entwickeln konnte; doch seine Persönlichkeit und seine Produkte waren zu sehr miteinander verknüpft, als daß man sie auf Dauer einer Richtung hätte zuordnen können. Weder für die Nazis (auch er galt als "entartet" und hatte Malverbot), noch für spätere ideologische Gruppierungen, und noch weniger für den "Kunstmarkt" war sein Werk geeignet. Dafür aber umsomehr für die erdnahe Landbevölkerung, die sich von ihm verstanden wußte. Tügel beherrschte die Sprache der Moorbauern ebenso wie die der Menschen, denen eine differenzierte Wahrnehmung nicht fremd ist.

Im vitalen Worpswede nach dem ersten Weltkrieg hat er expressionistische Tänze und ein expressives Lebensgefühl verbreitet. Neben Saufnächten, Schlägereien, mutwilligen Übertreibungen und leidenschaftlichen Verwicklungen gab es viel Poesie und intensive Freundschaften, "weihevolle Kunstrezeption" erschien lächerlich.


Schließlich kamen die ersten Erfolge. Das Stockholmer Museum, die Hamburger Kunsthalle und eine Galerie in Stuttgart kauften seine Gemälde. Seine Intension fiel auf. Er sollte in Übersee Professor werden. Doch er blieb in Deutschland. In Hamburg stand er auf allen Literaturbühnen, inszenierte die großen Künstlerfeste im Curiohaus, gründete den Bronzekeller, ein literarisches Kabarett. Mit Ernst Rowohlt, Christian Wegener, dem Dichter Carl Albert Lange, dem Maler Udo Peters und dem Komponisten Ernst Licht war er langjährig befreundet. Julius Bab (1933 nach New York ausgewandert), neben Alfred Kerr Berliner Literatur- und Theaterpapst, hat sich oft mit Tügel, dem "Genie des Fleißes und des Lasters" beschäftigt.

Otto Tetjus Tügel hat sich selbst als einen "einfachen Dichterling" bezeichnet, der, "ein Stück Erde in der Hand, nicht gefragt werden kann, woher sie stamme oder aus welchen Bestandteilen sie bestehe, sondern sich nur ihrer göttlichen Ewigkeit bewußt ist."


J. P. Toth Verlag Hamburg 1949: Der Teufel der schönen Frauen


Im Titelbild des Romans: Jean Marais


1952 bis 1973 - Tügelhaus (ehem. Quickhof) in Oese bei Bremervörde: Hier wirkte Otto Tetjus Tügel bis zum Abschied.

Foto: Peer G.

Letzter Rundflug



Otto Tetjus Tügel, 1892 - 1973: Er hat zwei Weltkriege und 8 Ehen durchlebt.